Ein neuer Abschnitt

Gerade habe ich Leo vom Flughafen in Bordeaux abgeholt. Er hat seine Mutter nach Deutschland gebracht; sie lebt nun dort in einem Pflegeheim, in der Nähe von Leos Schwester. Schon vor Monaten war klar, dass es hier so nicht weitergehen kann. Sie leidet zunehmend unter Demenz, die sich bei ihr unter anderem in einer Tag-Nacht-Umkehr äußert, das heißt: Sie will tagsüber ständig schlafen, versucht ins Bett zu gehen oder legt sich aufs Sofa; nachts steht sie dann irgendwann auf, manchmal schon um 22 Uhr, mal erst um halb vier morgens, zieht sich mehr oder weniger an und geistert durchs Haus. Wenn wir dann versucht haben, sie dazu zu bewegen, wieder ins Bett zu gehen, klappte das manchmal, manchmal aber auch nicht, und sie reagierte – ich nenne es mal: nicht freundlich. Nach dem Mittagessen, wenn sie von uns aus gerne einen Mittagsschlaf hätte machen können, legte sie sich zwar auch hin, oft aber nur für ein paar Minuten, stand wieder auf und war dann spätestens um 17 Uhr so müde, dass sie unbedingt ins Bett wollte. Und das wiederholte sich, jeden Tag aufs Neue, immer und immer wieder das Gleiche, immer wieder die gleichen Diskussionen bzw. Wortwechsel.

Und diese Sache mit dem ins-Bett-gehen ist nur ein Beispiel, nur eine von vielen täglich wiederkehrenden, zermürbenden Situationen.

Zum Glück hatten wir Unterstützung. Die « infirmières à domicile », also Krankenschwestern, die ins Haus kommen, sind hier in Frankreich zuständig für das, was in Deutschland die ambulanten Pflegedienste leisten. Hier in Cissac gibt es zwei solcher Pflegedienste. Der eine wird betrieben von drei Krankenschwestern, von denen jeden Morgen und jeden Abend eine zu Leos Mutter kam, zur “Grundpflege”. Das war für uns eine große Entlastung. Andererseits bedeutete es aber auch: Warten. Je nach Arbeitsanfall kamen sie mal um halb zehn vormittags, mal erst um viertel nach elf. Und abends mal um viertel nach sieben, mal um halb neun. Das meine ich jetzt nicht als Kritik, denn natürlich ist es in einem solchen Job völlig normal und nachvollziehbar, dass der Arbeitsablauf mit ca. 40 Patienten am Tag nicht zeitlich genau planbar ist und dass immer etwas dazwischen kommen kann und es Verzögerungen gibt. Und wir waren auch heilfroh, dass jeden Tag eine von ihnen kam, egal ob wochentags, sonntags oder zu Weihnachten. Trotzdem bedeutete das für uns: Warten, gezwungenermaßen unten in der Küche zu sein und dort etwas mehr oder weniger Sinnvolles zu tun, mal zwanzig Minuten, mal anderthalb Stunden. Das gleiche dann noch zwei mal wöchentlich um die Mittagszeit, wenn der Physiotherapeut kam. Oder die Friseurin. Oder die Fußpflege. …

Da wir Leos Mutter nicht alleine lassen konnten und daher einer von uns immer zu Hause sein musste, ist es Ewigkeiten her, dass Leo und ich mal gemeinsam etwas unternommen haben. Eine Ausnahme war der Nachmittag der Eröffnung des neuen Hundeclubs. Für den Nachmittag hatten wir eine Frau kontaktiert, deren Job es ist, bei solchen Gelegenheiten einzuspringen. Das Problem war, dass Leos Mutter ja kein Französisch spricht, und daher keine wirkliche Unterhaltung zwischen den beiden möglich war.

Wir könnten sicherlich ein Buch schreiben über all die teils unglaublichen täglichen Ereignisse, Sprüche, Reaktionen, Verhaltensweisen, doch das werden wir wohl nicht tun. Aber einen Titel für das Buch wüsste ich bereits: Ich würde es nennen “Heute heißt er Gustaf”. Denn die Hunde wurden ständig mit unterschiedlichen Namen angespochen, und Gaston hieß einmal Gustaf.

Es wird vermutlich ein “anderes Leben” werden, wenn wir jetzt wieder spontan sein können und nicht mehr starr nach der Uhr leben müssen. Einfach mal ans Meer fahren, weil das Wetter gerade so schön ist, einfach mal nach Bordeaux, weil wir Lust dazu haben, einfach mal ein gemeinsamer Spaziergang oder ganz simpel einfach mal zusammen einkaufen gehen. Mal schauen, wie uns das gelingt, oder ob wir Spontanität erstmal wieder lernen müssen 😊

Dass wir in letzter Zeit nur die täglich wiederkehrende Alltagsroutine hatten und nichts nennenswertes passiert ist, ist auch der Hauptgrund dafür, warum hier so wenig zu lesen war. Denn wer will schon ständig nur Fotos von Hühnern und Hunden sehen. Das wird sich nun hoffentlich auch wieder ändern.

Heute ist übrigens unser Hochzeitstag, vor 20 Jahren haben wir geheiratet. Wir haben bereits ein Glas Champagner getrunken und werden uns gleich das Essen schmecken lassen, das ich (!!) vorbereitet habe und das nun im Ofen brutzelt. Und dann werden wir das Leben genießen.

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. Herzliche Glückwünsche zum Hochzeitstag🤗. Wie besonders, ihn gerade heute feiern zu können. Es ist gut, sich wieder ein bisschen auf sich selbst besinnen zu können und auf den richtigen Mensch an seiner Seite. Ich wünsche euch eine friedliche Zeit zusammen.
    Liebe Grüße aus Karlsruhe
    Britta

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  2. Herzlichen Glückwunsch auch von mir zum Hochzeitstag :heart:

    Ein neuer Abschnitt … ? – Oh-ja, und ihr habt den allerbesten Anlass für eure zweiten Flitterwochen :hi: :rose: :whistle:

    Liebe Grüße aus Münster, Dorit :knutsch:

    Antworten

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